Kurz und ehrlich vorweg: Wenn du über Etsy, Amazon oder eBay verkaufst, zieht der Marktplatz die US Sales Tax in fast allen Bundesstaaten selbst ein und führt sie ab — du musst dich dafür meist gar nicht registrieren. Verkaufst du dagegen über deinen eigenen Shopify-Store, liegt die volle Verantwortung bei dir: Shopify berechnet die Steuer nur, führt sie aber nicht ab. Und Achtung: Sobald du in einem einzelnen Bundesstaat genug Umsatz machst (oft 100.000 US-Dollar, in Kalifornien und Texas 500.000), entsteht dort eine eigene Steuerpflicht — der sogenannte Economic Nexus. Genau diese drei Punkte klären wir hier im Detail.
Sales Tax ist NICHT die deutsche Umsatzsteuer
Der teuerste Denkfehler von DACH-Händlern: Sie übertragen ihr Wissen über die deutsche Umsatzsteuer eins zu eins auf die USA. Das funktioniert nicht, weil die beiden Systeme grundlegend anders gebaut sind.
Es gibt kein bundesweites US-Steuersystem. Anders als in Deutschland, wo die Umsatzsteuer bundeseinheitlich (19 Prozent Regelsatz, 7 Prozent ermäßigt) geregelt ist, wird die Sales Tax auf Ebene der einzelnen Bundesstaaten erhoben — und oft kommen noch lokale Aufschläge von County und Stadt obendrauf. Kalifornien liegt beim Staatssatz bei 7,25 Prozent, South Dakota bei 4,2 Prozent, und fünf Staaten (Delaware, Montana, New Hampshire, Oregon und Alaska) erheben gar keine landesweite Sales Tax. In manchen Adressen setzt sich der Gesamtsatz aus drei oder vier Ebenen zusammen. Es gibt also nicht „die" US-Steuer, sondern rund 46 unterschiedliche Systeme.
Es gibt keinen Vorsteuerabzug. Die deutsche Umsatzsteuer läuft durch die gesamte Wertschöpfungskette: Du zahlst beim Einkauf Vorsteuer, ziehst sie ab und führst nur die Differenz ab. Die US Sales Tax ist eine reine Endverbrauchssteuer — sie fällt nur einmal an, beim Verkauf an den Endkunden. Einen Vorsteuerabzug wie in der EU kennt das System nicht. Für dich heißt das: Die gedankliche Mechanik „ich zahle rein, ich hole raus" gilt in den USA nicht.
| Merkmal | Deutsche Umsatzsteuer | US Sales Tax | |---|---|---| | Zuständigkeit | Bund (einheitlich) | Bundesstaat + Kommune | | Satz | 19 % / 7 % | je Staat verschieden, teils 0 % | | Vorsteuerabzug | ja | nein | | Anmeldung | ein Finanzamt | pro Bundesstaat einzeln | | Auslöser grenzüberschreitend | OSS ab 10.000 Euro EU-weit | Economic Nexus pro Staat |
Wer diese Tabelle verinnerlicht, versteht schon die halbe Miete. Der Rest dreht sich um eine einzige Frage: In welchem Bundesstaat wirst du überhaupt steuerpflichtig?
Economic Nexus: der Auslöser für deine Steuerpflicht
Bis 2018 galt in den USA die Faustregel: Nur wer physisch präsent ist (Büro, Lager, Mitarbeiter), muss Sales Tax einziehen. Das änderte das Urteil des Supreme Court in South Dakota v. Wayfair vom 21. Juni 2018 grundlegend. Seitdem dürfen Bundesstaaten auch von reinen Onlinehändlern ohne physische Präsenz verlangen, Sales Tax einzuziehen — wenn diese eine bestimmte wirtschaftliche Aktivität überschreiten. Das ist der Economic Nexus.
Jeder Bundesstaat setzt seine eigene Schwelle. Der von South Dakota vorgegebene und weit verbreitete Standard sind 100.000 US-Dollar Umsatz oder 200 Transaktionen pro Kalenderjahr — aber die großen Staaten weichen deutlich ab.
| Bundesstaat | Economic-Nexus-Schwelle (Stand Juli 2026) | |---|---| | Standard vieler Staaten | 100.000 US-Dollar Umsatz (teils + 200 Transaktionen) | | Kalifornien | 500.000 US-Dollar | | Texas | 500.000 US-Dollar | | New York | 500.000 US-Dollar + 100 Transaktionen | | Alabama, Mississippi | 250.000 US-Dollar | | South Dakota | 100.000 US-Dollar (Transaktions-Schwelle abgeschafft) |
Wichtig: Diese Schwellen gelten pro Bundesstaat, nicht landesweit summiert. Du kannst also in Texas weit unter 500.000 liegen und trotzdem in einem kleineren Staat mit 100.000-Dollar-Schwelle längst pflichtig sein. Neben dem Economic Nexus gilt außerdem weiterhin der physische Nexus: Ein Warenlager in einem Staat — zum Beispiel ein Amazon-FBA-Lager — begründet dort in der Regel sofort eine Steuerpflicht, ganz ohne Umsatzschwelle.
Der klare Trend (Stand Juli 2026): Immer mehr Staaten schaffen die reine 200-Transaktionen-Schwelle ab und stellen nur noch auf den Dollar-Umsatz ab. Über ein Dutzend Staaten haben das bereits getan; Kentucky zieht zum 1. August 2026 nach. Das ist gut für Kleinverkäufer, die früher schon mit 200 günstigen Bestellungen in die Pflicht rutschten.
Marketplace Facilitator Laws: warum Etsy die Steuer selbst zahlt
Jetzt die gute Nachricht für Etsy-, Amazon- und eBay-Verkäufer. Jeder US-Bundesstaat mit Sales Tax hat ein sogenanntes Marketplace Facilitator Law. Es verpflichtet nicht dich, sondern den Marktplatz, die Sales Tax einzuziehen und abzuführen — für alle Verkäufe, die über die Plattform laufen.
Konkret heißt das:
- Etsy zieht die Sales Tax in jedem US-Bundesstaat mit landesweiter Sales Tax ein und führt sie ab — laut Etsy in 45 Staaten plus Washington D.C. und Puerto Rico.
- Amazon, eBay und Walmart handhaben das genauso.
- Für reine Marktplatz-Verkäufe musst du dich in den meisten Staaten gar nicht selbst registrieren, nichts einziehen und nichts abführen. Der Marktplatz erledigt das.
Das ist echte Entlastung — aber kein Freifahrtschein. Es gibt zwei Fallen, die viele übersehen:
Falle 1: Marktplatz-Umsätze zählen oft in deine Nexus-Schwelle mit. Etwa die Hälfte der Staaten rechnet deine Etsy- oder Amazon-Umsätze in die Economic-Nexus-Schwelle mit ein — obwohl der Marktplatz die Steuer schon abgeführt hat; der andere Teil (z. B. Florida, Arizona) klammert sie aus. Das ist staatsabhängig und ändert sich laufend — welcher Staat wie zählt, prüfst du pro Staat bzw. mit deinem Steuerberater. Wo Marktplatz-Umsätze mitzählen, kannst du also allein durch deine Etsy-Verkäufe Nexus auslösen.
Falle 2: Registrierung, Nullmeldungen und Nexus-Tracking bleiben teils deine Aufgabe. Manche Staaten verlangen, dass du dich registrierst und regelmäßig meldest — auch wenn die tatsächliche Steuer vom Marktplatz kommt und deine eigene Meldung eine Nullmeldung ist. Das ist staatsabhängig und ändert sich laufend.
Shopify ist anders: hier trägst DU die Verantwortung
Und jetzt der entscheidende Unterschied, an dem die meisten scheitern. Shopify ist kein Marktplatz. Es ist eine Software, mit der du deinen eigenen Store betreibst. Damit bist du der Merchant of Record — der Händler selbst — und fällst nicht unter die Marketplace Facilitator Laws.
Das bedeutet:
- Shopify berechnet die korrekten Sales-Tax-Sätze für dich und weist sie im Checkout aus.
- Shopify führt die Steuer aber nicht ab und meldet sie nicht an die Bundesstaaten. Das ist ausdrücklich deine Aufgabe.
- Shopify übernimmt auch die Registrierung nicht. Du musst dich in jedem Staat, in dem du Nexus hast, selbst um ein Sales Tax Permit kümmern, bevor du überhaupt Steuer einziehen darfst.
Für deinen Shopify-Store läuft der Ablauf pro Bundesstaat mit Nexus so:
- Nexus prüfen: Reißt du in diesem Staat die Umsatz- oder Transaktionsschwelle — oder hast du dort ein Lager?
- Registrieren: Sales Tax Permit / Seller's Permit beim jeweiligen Department of Revenue beantragen. Ohne Permit darfst du keine Steuer einziehen.
- Einziehen: Shopify so einstellen, dass für diesen Staat die korrekten Sätze berechnet werden.
- Melden (Filing): Zu den vorgegebenen Terminen die Steuererklärung abgeben — auch als Nullmeldung, wenn nichts angefallen ist.
- Abführen (Remittance): Die eingezogene Steuer fristgerecht an den Staat überweisen.
Inzwischen bietet Shopify mit Shopify Tax eine kostenpflichtige Zusatzfunktion an, die für berechtigte US-Staaten auch das automatische Filing und die Abführung übernimmt. Das ist praktisch, ändert aber nichts an der Grundverantwortung: Ohne diese Buchung bist du selbst dran.
Der Multi-Channel-Fall: Etsy plus eigener Shop
Genau hier wird es für viele erst richtig relevant — und teuer, wenn man es übersieht. Angenommen, du verkaufst dasselbe Produkt sowohl über Etsy als auch über deinen Shopify-Store. Deine Etsy-Umsätze in Texas summieren sich über das Jahr auf 520.000 US-Dollar. Etsy hat darauf die Steuer brav abgeführt.
Weil Texas Marktplatz-Umsätze bei der Nexus-Prüfung mitzählt, hast du damit die 500.000-Dollar-Schwelle gerissen und Economic Nexus in Texas ausgelöst. Die Folge: Für deine Shopify-Verkäufe nach Texas musst du dich jetzt selbst registrieren, Sales Tax einziehen und abführen — obwohl deine Etsy-Verkäufe schon abgedeckt waren. Der Marktplatz hat dich also in die Pflicht gebracht, ohne dass du auf dem eigenen Kanal einen Cent mehr verkauft hast.
Deshalb reicht es nicht, nur die eigenen Shop-Umsätze im Blick zu haben. Für die Nexus-Frage musst du in etwa der Hälfte der Staaten alle Kanäle zusammenrechnen — und die Antwort kann von Staat zu Staat anders ausfallen.
Was das für DACH-Händler mit US-LLC heißt
Ein hartnäckiger Mythos: „Ich habe eine US-LLC, damit bin ich fein raus." Falsch. Das Wayfair-Urteil unterscheidet ausdrücklich nicht danach, wo dein Unternehmen sitzt. Ein Händler aus München mit US-LLC wird genauso behandelt wie ein Händler aus Oregon, der nach New York verkauft. Reißt du eine Schwelle, giltst du dort als steuerpflichtig — LLC hin oder her, sogar ganz ohne US-Gesellschaft.
Und ein zweiter, wichtiger Trennstrich: Sales Tax hat nichts mit deiner Einkommensteuer zu tun. Sie ist eine reine Verkaufssteuer, die du für den Bundesstaat vom Kunden einsammelst. Ob deine US-LLC Bundeseinkommensteuer zahlt, ob du Form 5472 einreichen musst und wie dein Gewinn in Deutschland versteuert wird, sind komplett eigene Fragen. Die eine beantwortet die andere nicht.
Abgrenzung: US Sales Tax vs. deutsche USt und OSS
Damit du die Systeme sauber auseinanderhältst: Deine Verkäufe an Privatkunden innerhalb der EU laufen über die deutsche Umsatzsteuer und ab einer EU-weiten Lieferschwelle von 10.000 Euro netto pro Jahr über das OSS-Verfahren (One-Stop-Shop). Dabei registrierst du dich einmal zentral beim Bundeszentralamt für Steuern (BZSt), meldest quartalsweise und führst die Steuer der jeweiligen EU-Zielländer gebündelt ab.
Der Kontrast könnte kaum größer sein: Die EU gibt dir eine Schwelle und eine Anmeldung für 27 Länder. Die USA geben dir 46 Systeme mit je eigener Schwelle, eigener Registrierung und eigenen Fristen — ein OSS-Äquivalent existiert nicht. Für physische Ware, die du an US-Kunden in die USA lieferst, fällt in der Regel keine deutsche Umsatzsteuer an; das ist eine Lieferung außerhalb der EU. US Sales Tax und EU-Umsatzsteuer sind also zwei getrennte Welten, die du getrennt im Blick behalten musst.
Tools und wann du einen US-Steuerberater brauchst
Ganz ehrlich: Diese Materie ist komplex und ändert sich ständig. Bei wenigen Kanälen und niedrigen Umsätzen kommst du mit der eingebauten Berechnung der Plattformen weit. Sobald du über mehrere Kanäle verkaufst, in mehreren Staaten Nexus hast oder die 100.000er-Marke näher rückt, lohnen sich spezialisierte Tools. Am bekanntesten sind TaxJar und Avalara, die Berechnung, Registrierung und Filing übernehmen; für Shopify-Shops gibt es zusätzlich das eingebaute Shopify Tax.
Ein Tool ersetzt aber keine Beurteilung. Ob und wo du registrierungspflichtig bist, solltest du mit einem auf US Sales Tax spezialisierten Steuerberater (Sales Tax Specialist oder CPA) klären — besonders in der Kombination aus US-LLC, mehreren Verkaufskanälen und der deutschen Steuerlage.
Wichtiger Hinweis
Dieser Artikel gibt einen recherchierten Überblick zum Stand Juli 2026 und ersetzt keine Steuer- oder Rechtsberatung. US Sales Tax ist bundesstaatsabhängig, und die Regeln — Schwellen, Fristen, Marketplace-Behandlung — ändern sich laufend. Konkrete Zahlen und Pflichten prüfst du bei den Bundesstaaten selbst, etwa bei der California Department of Tax and Fee Administration, dem Texas Comptroller oder dem South Dakota Department of Revenue; die EU-Seite regelt das Bundeszentralamt für Steuern zum OSS-Verfahren. Für deine individuelle Situation führt kein Weg an einer qualifizierten Beratung vorbei.