Nevada: Starker Datenschutz, höhere Kosten
Nevada ist historisch als "zweites Delaware" vermarktet worden — starker Haftungsschutz, gute Datenschutzgesetze, keine staatliche Einkommensteuer.
Für internationale Gründer die kein US-Business betreiben, ist Nevada meistens überteuert.
Nevada vs. Wyoming: Der direkte Vergleich
| | Nevada | Wyoming | |---|---|---| | Gründungsgebühr | 75 USD | 100 USD | | Annual List | 150 USD | n/a | | Business License | 200 USD | n/a | | Annual Report | n/a | 60 USD | | Registered Agent | 100–150 USD | 100–150 USD | | Total Jahr 2+ | 450–500 USD | 160–210 USD |
Wyoming ist günstiger bei vergleichbarem Datenschutz.
Wann Nevada trotzdem Sinn macht
Nevada hat einen echten Vorteil: sehr starke gesetzliche Schutzmechanismen gegen Durchgriffshaftung (Piercing the Corporate Veil). Gerichte in Nevada sind besonders schwer dazu zu bringen, die LLC-Haftungsbeschränkung zu durchbrechen.
Für: US-Businesses mit echtem US-Haftungsrisiko (lokale Dienstleistungen, physische Aktivitäten in den USA).
Für DACH-Gründer ohne US-Aktivitäten: Wyoming reicht vollständig.
Nevada einrichten
- Filing beim Nevada SOS (sos.nv.gov): 75 USD online
- Business License beantragen: ca. 200 USD/Jahr
- Registered Agent: 100–150 USD/Jahr
- Annual List einreichen: 150 USD/Jahr bis Ende des Gründungsmonats
Nevada LLC gründen: Der Prozess über SilverFlume im Detail
SilverFlume (nvsilverflume.gov) ist Nevadas offizielles One-Stop-Online-Portal für Firmengründungen, gemeinsam betrieben vom Secretary of State und dem Department of Taxation. Der Unterschied zu vielen anderen Bundesstaaten: Du reichst Gründung, Business License und Initial List in einem einzigen Online-Workflow ein, statt mehreren Formularen bei verschiedenen Behörden hinterherzulaufen. So läuft die Gründung konkret ab.
Schritt 1: SilverFlume-Account anlegen. Registrierung mit E-Mail-Adresse, keine US-Steuernummer nötig. Direkt im Portal kannst du auch prüfen, ob dein Wunschname noch frei ist — Nevada verlangt wie jeder Bundesstaat einen eindeutigen LLC-Namen mit dem Zusatz "LLC" oder "Limited Liability Company". Eine formelle Namensreservierung ist möglich, aber für die meisten Gründer unnötig, weil die eigentliche Gründung ohnehin meist innerhalb eines Werktags durchläuft.
Schritt 2: Registered Agent bestimmen. Du brauchst zwingend einen in Nevada ansässigen Registered Agent — eine Person oder Firma mit physischer Adresse im Staat, die offizielle Post und Klagezustellungen entgegennimmt. Als Gründer ohne US-Adresse übernimmt das ein kommerzieller Registered-Agent-Service (100–150 USD/Jahr).
Schritt 3: Articles of Organization einreichen. Das Gründungsdokument (Name der LLC, Registered-Agent-Adresse, Management-Struktur) kostet 75 USD. Bei Online-Einreichung über SilverFlume wird es meist innerhalb eines Werktags bearbeitet — bei Papier-Einreichung per Post dauert es ein bis zwei Wochen.
Schritt 4: Initial List of Managers/Members + State Business License gleichzeitig einreichen. Das ist der Teil, den viele unterschätzen: Nevada verlangt zusätzlich zur reinen Gründung eine Initial List (150 USD) und eine State Business License (200 USD) — beide sind Pflicht und sofort bei Gründung fällig. Zusammen mit der Gründungsgebühr kommst du damit auf 425 USD Startkosten, bevor überhaupt der Registered Agent bezahlt ist.
Schritt 5: EIN beim IRS beantragen. Kostenlos, aber ohne US-Sozialversicherungsnummer (SSN) oder ITIN läuft der Online-Assistent des IRS nicht — du reichst das Formular SS-4 per Fax, Post oder über die internationale IRS-Telefonhotline ein. Rechne mit mehreren Wochen Bearbeitungszeit bei Fax/Post.
Schritt 6: Operating Agreement erstellen. Wird nicht beim Staat eingereicht, ist aber für jede Bank-Kontoeröffnung und für die eigene Haftungsabgrenzung zwischen den Mitgliedern Pflicht.
Wer es eilig hat: SilverFlume bietet Expedited-Filing an — 24 Stunden für 125 USD, zwei Stunden für 500 USD, eine Stunde für 1.000 USD, jeweils zusätzlich zu den 425 USD Grundkosten.
Die Nevada Commerce Tax: Was sie ist und wen sie betrifft
Die Nevada Commerce Tax ist der Punkt, an dem viele Gründer aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz unnötig nervös werden, weil sie den Namen irgendwo aufgeschnappt haben. Vorweg: Für die überwältigende Mehrheit der DACH-Gründer ist sie komplett irrelevant.
Was sie ist: eine Bruttoumsatzsteuer (Gross Receipts Tax) auf den in Nevada erzielten Bruttoumsatz — nicht auf den Gewinn. Sie greift ausschließlich, wenn dein Nevada-Bruttoumsatz in einem Steuerjahr (1. Juli bis 30. Juni) die Grenze von 4.000.000 USD übersteigt. Liegst du darunter, schuldest du nicht nur keine Steuer — du musst nicht einmal eine Erklärung abgeben. Die Frist für die Abgabe (falls relevant) ist der 45. Tag nach Ende des Steuerjahres, also üblicherweise Mitte August.
Wer betroffen sein kann: Der Steuersatz liegt je nach Branche zwischen 0,051 % und 0,331 % und ist in 26 Branchenkategorien nach Nevada Revised Statutes Chapter 363C unterteilt, von Bergbau über Fertigung bis Finanzdienstleistungen. Betroffen sind in der Praxis etablierte Unternehmen mit signifikantem wirtschaftlichen Fußabdruck in Nevada — große Handelsketten, Casinos, Fertigungsbetriebe, nicht der Solo-Consultant mit LLC.
Warum sie für 99 % der DACH-Gründer irrelevant ist: Ein Freelancer, Online-Händler oder Berater, der über seine Nevada-LLC im ersten, zweiten oder auch zehnten Jahr Umsätze im fünf- oder sechsstelligen Bereich macht, ist um Größenordnungen von der 4-Millionen-Grenze entfernt. Selbst ein gut laufendes E-Commerce-Business mit 300.000 bis 500.000 USD Jahresumsatz bleibt weit darunter. Die Steuer ist real, aber sie ist ein Thema für Unternehmen, die längst über den Status "kleine Auslands-LLC" hinausgewachsen sind — kein Argument gegen oder für Nevada bei der Gründung einer kleinen Firma.
Der Nevada-Mythos: Was stimmt, was ist Marketing
Viele Formations-Anbieter — vor allem im deutschsprachigen Affiliate-Marketing — verkaufen Nevada als geheimnisumwittertes Offshore-Steuerparadies: keine Steuern, totale Anonymität, unangreifbares Vermögen. Das ist zu großen Teilen Marketing, nicht Rechtslage. Was stimmt, und was nicht:
Stimmt: keine staatliche Einkommensteuer. Genau wie Wyoming, Texas oder Florida erhebt Nevada keine State Income Tax. Das ist aber kein Nevada-Alleinstellungsmerkmal — mehrere US-Bundesstaaten verzichten darauf, und für DACH-Gründer ist es ohnehin nur die halbe Wahrheit: Deine persönliche Steuerpflicht in Deutschland, Österreich oder der Schweiz bleibt von der LLC komplett unberührt. Die LLC selbst zahlt als "Pass-Through"-Entity ohnehin keine US-Bundessteuer auf Unternehmensebene — das gilt in jedem Bundesstaat, nicht nur in Nevada.
Stimmt, mit Einschränkung: Datenschutz. Bei einer manager-verwalteten LLC wird nur der Manager, nicht die Members, öffentlich im Nevada-Register geführt. Das ist echt und mehr, als die meisten Bundesstaaten bieten. Aber: Beim IRS musst du dich für die EIN als "Responsible Party" mit Namen offenlegen, und jede Bank verlangt beim Konto-Onboarding die vollständige Offenlegung des wirtschaftlich Berechtigten (Know Your Customer). Öffentlich unsichtbar heißt nicht unsichtbar für Behörden oder Banken.
Ergänzend, aber kein Nevada-Sondervorteil: Seit einer FinCEN-Regeländerung von März 2025 sind reine US-LLCs — auch mit ausländischen Eigentümern — von der föderalen Corporate-Transparency-Act-Meldepflicht (Beneficial Ownership Information) ausgenommen. Das ist eine echte Verbesserung der Privatsphäre für Auslandsgründer, gilt aber bundesweit für jeden Bundesstaat gleich. Nevada hat hier keinen Sonderstatus, egal was manche Anbieter suggerieren.
Noch ein Mythos: "Nevada teilt keine Daten mit dem IRS". Dieser Satz taucht in fast jedem Verkaufstext auf und klingt nach einem geheimen Deal. Die Realität ist banaler: Nevada hat schlicht keine State Income Tax und damit auch keine eigenen Steuerformulare — es gibt also gar keine Steuerdaten, die es an die Bundessteuerbehörde weiterleiten könnte. Das ist eine strukturelle Nebenfolge der Steuerpolitik, kein besonderes Datenschutz-Abkommen. Deine EIN-Anmeldung, deine Bank-Unterlagen und eine eventuelle US-Steuererklärung laufen davon völlig unberührt beim IRS auf.
Übertrieben: "unangreifbares Vermögen". Die Charging-Order-Protection ist real und in Nevada gesetzlich besonders stark ausgestaltet, inklusive explizitem Schutz für Single-Member-LLCs. Aber diese Protection entfaltet ihren Wert nur, wenn überhaupt ein US-Gläubiger vor einem US-Gericht gegen dich vorgeht. Für einen Online-Freelancer ohne US-Klagerisiko ist diese Eigenschaft ungenutztes Potenzial, für das er trotzdem jährlich draufzahlt.
Kurz: Nevada hält, was es rechtlich verspricht. Das Problem ist nicht die Rechtslage, sondern die Marketing-Übersetzung "Steuerparadies plus Unsichtbarkeit", die bei den meisten DACH-Gründern schlicht nicht zutrifft — weil ihnen die Risiko-Situation fehlt, gegen die Nevada eigentlich schützt.
Für wen Nevada tatsächlich die richtige Wahl ist
Nevada ist kein schlechter Bundesstaat — er ist nur an die falsche Zielgruppe beworben worden. Tatsächlich sinnvoll ist er für:
Unternehmer mit echtem US-Haftungsrisiko. Wer in den USA physisch tätig ist — ein Handwerksbetrieb, ein Fitnessstudio, ein Bauunternehmen, ein Dienstleister mit Kundenkontakt vor Ort — trägt ein reales Klagerisiko vor US-Gerichten. Hier zahlt sich die besonders robuste Charging-Order-Protection und der starke Corporate-Veil-Schutz tatsächlich aus, weil das Szenario, gegen das er schützt, real eintreten kann.
Immobilien-Investoren mit mehreren Objekten. Nevada erlaubt Series LLCs — eine Master-LLC mit rechtlich getrennten Einzel-"Serien" darunter. Für jemanden, der drei, fünf oder zehn US-Immobilien hält, lässt sich damit jedes Objekt einzeln haftungsrechtlich abschotten, ohne für jedes eine komplett eigene LLC gründen und verwalten zu müssen. Das ist ein echter struktureller Vorteil, den Nevada mit besonders erprobter Rechtsprechung untermauert.
Wer bereits in Nevada lebt oder wirtschaftlich verankert ist. Wenn ohnehin ein Nexus zum Staat besteht — Wohnsitz, Geschäftsräume, Mitarbeiter — ist die lokale LLC unabhängig von den Zusatzkosten die naheliegende Wahl.
Wer bereits deutlich über 4 Millionen USD Bruttoumsatz wächst und ohnehin professionelle Steuerberatung braucht, für den relativiert sich der Kostenunterschied zu Wyoming von selbst.
Für den typischen DACH-Freelancer, Berater oder Online-Händler ohne US-Präsenz und ohne signifikantes US-Klagerisiko treffen diese Szenarien selten zu. Dann bleibt Wyoming die pragmatischere Wahl — gleicher Datenschutz-Grundgedanke, ein Bruchteil der laufenden Kosten.
Ein konkretes Beispiel: Sven aus München hat über zehn Jahre drei Ferienwohnungen in der Nähe von Las Vegas gekauft, die er über Airbnb vermietet. Für ihn ist Nevada die richtige Wahl, aber nicht wegen Steuervorteilen — die Mieteinnahmen versteuert er ohnehin sowohl in den USA als auch in Deutschland (mit Anrechnung). Der eigentliche Grund: Als Vermieter mit Gästen vor Ort trägt er ein reales Haftungsrisiko, wenn sich jemand auf dem Grundstück verletzt. Über eine Nevada Series LLC hat er jede Immobilie einzeln abgeschottet — ein Rechtsstreit wegen der einen Wohnung kann die anderen beiden nicht gefährden. Das ist exakt das Szenario, für das Nevadas Zusatzkosten sich lohnen. Hätte Sven stattdessen nur eine Beratungs-LLC ohne physische US-Präsenz, wäre die gleiche Struktur reine Geldverschwendung gewesen.
Banking-Realität für Nevada-LLCs
Ein Punkt, den viele Nevada-Anbieter verschweigen: Für dein US-Bankkonto spielt der Gründungsstaat deiner LLC fast keine Rolle. Mercury, Relay oder Wise Business prüfen bei der Kontoeröffnung deine EIN, deine Gründungsdokumente und deine Identität als wirtschaftlich Berechtigter — ob die LLC in Nevada, Wyoming oder Delaware registriert ist, macht für das Underwriting praktisch keinen Unterschied. Einen "Nevada-Bonus" beim Banking gibt es nicht.
Was auch nicht funktioniert: sich auf Nevadas Datenschutzgesetze zu verlassen, um gegenüber der Bank weniger offenlegen zu müssen. Jede seriöse Bank — ob Mercury, Relay oder eine traditionelle US-Bank — verlangt im Rahmen von Know-Your-Customer (KYC) und Anti-Geldwäsche-Vorschriften die vollständige Offenlegung aller Eigentümer mit relevantem Anteil, unabhängig davon, was im öffentlichen Nevada-Register steht. Die Privatsphäre gegenüber der Öffentlichkeit und Dritten ist real — gegenüber der eigenen Bank existiert sie nicht.
In der Praxis sieht das Banking-Setup für die meisten Nevada-LLC-Gründer identisch aus wie für Wyoming- oder Delaware-Gründer: Mercury als Hauptkonto (kostenlos, remote eröffnbar mit EIN und Registered-Agent-Adresse, Bearbeitung meist ein bis drei Werktage), ergänzt um Wise Business für Multi-Currency-Zahlungen in Euro und andere Währungen, plus optional ein Backup-Konto wie Relay oder Payoneer für den Fall, dass eines der Hauptkonten Probleme macht.
Wer sich also für Nevada entscheidet, weil er sich davon Banking-Vorteile erhofft, wird enttäuscht: Die Bank interessiert sich für dein Geschäftsmodell und deine Dokumente, nicht für den Bundesstaat auf deiner Gründungsurkunde.