Markus sitzt in seinem Co-Working Space in Lissabon und googelt zum fünften Mal an diesem Nachmittag: "Best state for LLC." Jeder Artikel sagt etwas anderes. Sein Steuerberater in Deutschland zuckt die Schultern. Sein Kumpel schwört auf Delaware, weil "Apple und Google da auch sitzen."
Markus' Kumpel hat Unrecht. Nicht komplett – aber für die falsche Zielgruppe. Die Wahrheit ist: Der beste US-Staat für deine LLC hängt davon ab, wer du bist, was du machst und wo du lebst. Und für 90% der deutschen Gründer ohne US-Wohnsitz ist die Antwort weder Delaware noch die, die sie erwarten.
Warum der Bundesstaat überhaupt eine Rolle spielt
In den USA ist eine LLC keine Bundes-Rechtsform. Es gibt kein "Firmengründungsgesetz der Vereinigten Staaten." Stattdessen hat jeder der 50 Bundesstaaten seine eigenen LLC-Gesetze, Gebührenstrukturen und Steuerregeln. Das klingt nach Chaos – und ist es auch, zumindest ein bisschen.
Die gute Nachricht: Für deine Bundessteuerpflicht (Federal Income Tax) spielt der Gründungsstaat keine Rolle. Eine Single-Member LLC wird auf Bundesebene als "disregarded entity" behandelt, egal ob in Wyoming, Delaware oder Hawaii gegründet. Die Unterschiede liegen in drei Bereichen: Kosten, Privatsphäre und staatliche Regulierung.
Wyoming: Der Allrounder für internationale Gründer
Wyoming hat sich in den letzten Jahren zum Lieblings-Staat für ausländische LLC-Gründer entwickelt – und das aus gutem Grund. Der Staat war 1977 der erste, der die LLC-Rechtsform überhaupt eingeführt hat. Er hat über 45 Jahre Erfahrung damit, LLCs zu regulieren.
Was Wyoming besonders macht:
Die Gründungsgebühr beträgt $100. Der jährliche Report kostet $60. Das war's. Keine State Income Tax, keine Franchise Tax, keine Gross Receipts Tax. Für eine Single-Member LLC ohne US-Einkommen fallen damit jährliche Staatsgebühren von $60 an – plus die Kosten für den Registered Agent (typischerweise $100-200/Jahr).
Zur Privatsphäre: Wyoming verlangt keine Offenlegung der LLC-Mitglieder im öffentlichen Register. Dein Name taucht nirgends auf. Im Articles of Organization steht nur der Name des Registered Agent. Für Gründer, die Wert auf Diskretion legen, ist das ein entscheidender Vorteil.
Markus hat sich am Ende für Wyoming entschieden. Seine Gesamtkosten im ersten Jahr: $100 Gründung, $150 Registered Agent, $0 State Tax. Total: $250. Sein Kumpel mit der Delaware LLC? $90 Gründung, $300 Franchise Tax, $150 Registered Agent, $50 Annual Report. Total: $590. Für die gleiche Rechtsform mit den gleichen Bundessteuer-Konsequenzen.
Delaware: Der Klassiker – aber für wen?
Delaware hat einen Ruf wie ein Schweizer Uhrwerk. 68% aller Fortune-500-Unternehmen sind dort registriert. Der "Court of Chancery" – ein spezialisiertes Wirtschaftsgericht ohne Jury – ist legendär für seine berechenbare, unternehmensfreundliche Rechtsprechung. Das klingt beeindruckend. Und für bestimmte Szenarien ist es das auch.
Wann Delaware sinnvoll ist: Wenn du eine C-Corp gründest und Venture Capital aufnehmen willst. VCs in den USA erwarten oft eine Delaware C-Corp, weil die rechtlichen Rahmenbedingungen dort am besten dokumentiert und vorhersehbar sind. Investoren kennen die Delaware-Gesetze, ihre Anwälte arbeiten täglich damit, und Due-Diligence-Prozesse sind standardisiert.
Wann Delaware NICHT sinnvoll ist: Für eine Single-Member LLC eines deutschen Gründers, der Software verkauft und in Lissabon lebt. In diesem Fall bietet Delaware keinen einzigen praktischen Vorteil gegenüber Wyoming – aber spürbar höhere Kosten. Die jährliche Franchise Tax von mindestens $300 fällt an, egal ob du $0 oder $1.000.000 Umsatz machst. Dazu kommt der Annual Report.
Sarah, eine Freundin von Markus, hat genau diesen Fehler gemacht. Sie hat 2024 eine Delaware LLC gegründet, weil ihr YouTube-Tutorial es empfohlen hat. Nach zwei Jahren hat sie in die Wyoming LLC umfirmiert – "domestication" heißt der Prozess – und spart seitdem $300 pro Jahr. "Hätte ich das vorher gewusst," sagt sie, "hätte ich mir den ganzen Papierkram gespart."
Florida: Wenn du tatsächlich in die USA ziehst
Florida ist ein Sonderfall. Der Staat hat keine State Income Tax – ein Grund, warum so viele Amerikaner und zunehmend auch Deutsche dorthin ziehen. Für Gründer, die tatsächlich in Florida leben oder leben wollen, kann eine Florida LLC die sinnvollste Option sein.
Der Grund ist der "Nexus." Wenn du in einem Staat wohnst oder operierst, hast du dort einen steuerlichen Nexus. In Staaten mit State Income Tax (wie New York oder Kalifornien) bedeutet das: zusätzliche Steuern. In Florida bedeutet es: nichts – weil der Staat keine Einkommensteuer erhebt.
Kosten: Die Gründung kostet $125. Der Annual Report $138,75. Ein Registered Agent ist ebenfalls erforderlich. Insgesamt etwas teurer als Wyoming, aber immer noch moderat.
Für wen? Für Denis, der mit seiner Familie nach Miami gezogen ist und von dort seine E-Commerce-Firma betreibt. Er hat seine LLC bewusst in Florida gegründet, weil er dort lebt, dort Geschäftsbeziehungen aufbaut und die lokale Infrastruktur nutzt. Eine Wyoming LLC hätte für ihn keinen Vorteil – er müsste trotzdem in Florida Steuern zahlen (bzw. eben nicht, weil es keine gibt).
Die Underdogs: New Mexico und Nevada
Zwei weitere Staaten tauchen regelmäßig in LLC-Diskussionen auf.
New Mexico ist der günstigste Staat überhaupt: $50 Gründungsgebühr, kein Annual Report, keine State-Fees. Klingt perfekt? Fast. Das Problem: New Mexico hat weniger entwickelte LLC-Gesetze als Wyoming, keine Charging Order Protection für Single-Member LLCs, und die Bankenwelt (besonders US-Banken wie Mercury) bevorzugt LLCs aus "bekannteren" Staaten.
Nevada wirbt aggressiv mit "keine Steuern" und Privacy. Stimmt beides – aber die Gebühren sind deutlich höher als in Wyoming ($425 Business License Fee + $150 Annual List), und Nevada hat eine Commerce Tax für Unternehmen mit über $4 Mio. Umsatz. Für die meisten Gründer ist Nevada einfach die teurere Version von Wyoming, ohne klaren Mehrwert.
Der Vergleich: Wyoming vs. Delaware vs. Florida
| Kriterium | Wyoming | Delaware | Florida | |---|---|---|---| | Gründungsgebühr | $100 | $90 | $125 | | Annual Report | $60 | $50 + $300 Franchise Tax | $138,75 | | State Income Tax | Keine | Keine (für LLC-Inhaber ohne DE-Nexus) | Keine | | Privacy | Ausgezeichnet | Gut | Moderat | | Court System | Solide | Best-in-Class (Chancery Court) | Standard | | Beste Nutzung | Internationale Gründer, Solo-LLCs | VC-finanzierte C-Corps | US-Residents in Florida |
Die Entscheidung: Ein Framework
Statt nach dem "besten" Staat zu suchen, beantworte drei Fragen:
Frage 1: Lebst du in den USA? Falls ja, gründe im Staat, in dem du wohnst – es sei denn, er hat hohe State Taxes (dann prüfe Wyoming als Alternative, aber beachte den Nexus). Falls nein, weiter zu Frage 2.
Frage 2: Planst du VC-Finanzierung? Falls ja: Delaware C-Corp (nicht LLC). Falls nein, weiter zu Frage 3.
Frage 3: Willst du minimale Kosten und maximale Privatsphäre? Falls ja: Wyoming. Das ist die Antwort für 80% aller deutschen Gründer.
Markus hat dieses Framework in 5 Minuten durchgearbeitet. Er lebt nicht in den USA (Frage 1: nein). Er plant kein VC (Frage 2: nein). Er will günstig und privat gründen (Frage 3: ja). Wyoming. Fertig.
Häufige Denkfehler bei der Staatswahl
Der verbreitetste Irrtum: "Ich muss in dem Staat gründen, in dem meine Kunden sind." Falsch. Du kannst in Wyoming gegründet sein und Kunden in allen 50 Staaten bedienen. Solange du keine physische Präsenz, Mitarbeiter oder Lager in einem anderen Staat hast, entsteht dort in der Regel kein Nexus.
Ein zweiter Irrtum: "Delaware ist besser für den Haftungsschutz." Die Haftungsbeschränkung einer LLC funktioniert in allen Staaten nach dem gleichen Grundprinzip. Wyoming hat sogar einen Vorteil: Die "Charging Order Protection" gilt dort auch für Single-Member LLCs – das heißt, ein Gläubiger kann nicht einfach die LLC-Anteile pfänden, um an das Firmenvermögen zu kommen.
Fazit
Die Wahl des US-Bundesstaats ist eine der ersten Entscheidungen bei der LLC-Gründung – und eine, die viele Gründer unnötig kompliziert machen. Für internationale Gründer ohne US-Wohnsitz ist Wyoming in den allermeisten Fällen die richtige Wahl: günstig, privat, bewährt. Delaware lohnt sich für Startup-Gründer mit VC-Ambitionen. Florida für diejenigen, die tatsächlich im Sunshine State leben.
Markus hat seine Wyoming LLC übrigens in 4 Tagen gegründet. Die Kosten im ersten Jahr: $250. Sein Kumpel zahlt immer noch $590 pro Jahr für seine Delaware LLC – und hat neulich gefragt, ob man den Staat wechseln kann. Kann man. Kostet aber nochmal $200.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Orientierung und ersetzt keine individuelle Rechts- oder Steuerberatung. Regelungen können sich ändern. Stand: Februar 2026.